Bernina Vegl

Ein Haus erzählt die
Geschichte des Engadins

Wer heute ins Oberengadin reist, erlebt eine Region voller Gegensätze. Hier trifft Luxus auf gelebte Bodenständigkeit.

St. Moritz zählt zu den berühmtesten Ferienorten der Welt – ein Ort, an dem sich seit Generationen Menschen begegnen, die sehen und gesehen werden wollen.

Doch hinter der glanzvollen Fassade steht eine Region, die sich ständig neu erfinden muss. Hotels, Bergbahnen, Restaurants und Geschäfte wären ohne die vielen Grenzgänger kaum mehr denkbar. Das Regionalspital steht immer wieder vor grossen Herausforderungen.
Und der Flughafen Samedan verbindet das Tal mit der Welt – genutzt vor allem von internationalen Gästen, während seine Zukunft und Finanzierung regelmässig diskutiert werden.

Das Engadin war nie ein
Ort des Stillstands.

Schon vor fast zweihundert Jahren befand sich das Tal in einem tiefgreifenden Wandel. Neue Verkehrswege entstanden, technische Erfindungen hielten Einzug, der Tourismus begann das Leben der Menschen grundlegend zu verändern und mutige Unternehmer wagten Dinge, die damals kaum vorstellbar waren.

Einer dieser Unternehmer war

Johannes Badrutt junior.

Fast jeder kennt seinen Namen. Als Hotelier des Kulm Hotels machte er St. Moritz weltweit bekannt und gilt bis heute als Begründer des Wintertourismus. Er besuchte die Weltausstellung in Paris, brachte neue Ideen ins Engadin und gehörte zu den Persönlichkeiten, welche die ersten Schritte der Elektrifizierung der Region förderten.

Johannes Badrutts
Geburtsort


Doch nur wenige wissen, wo seine Geschichte begann.

Nicht im Kulm Hotel.

Nicht in St. Moritz.

Sondern hier.

In diesem Haus.

Als Johannes Badrutt junior am 2. April 1819 geboren wurde, ahnte niemand, dass aus dem Knaben einmal einer der bedeutendsten Hotelpioniere der Schweiz werden sollte. Zur Welt kam er im Wohnhaus seiner Eltern beim Chantun dal Mulin, dem heutigen Haus Ottavio Clavuot, unweit der heutigen Resgia Veglia.

Quelle: D. Kaiser, G. Lazzarini, H. Schmid: Samedan – Eine Dorfchronik, S. 94.

Resgia Veglia

Die Aquarellzeichnung von 1930 zeigt im Vordergrund die heutige Resgia Veglia. Dahinter links befindet sich das heutige Haus Ottavio Clavuot – das Geburtshaus von Johannes Badrutt junior. Johannes Badrutt senior baute das Haus um und richtete im oberen Stockwerk einen Tanzsaal ein, der schon bald zu einem beliebten Treffpunkt der tanzlustigen Bevölkerung des Oberengadins wurde. Das spätere Bernina Vegl entstand erst einige Jahre später auf der gegenüberliegenden Seite.

Quelle: D. Kaiser, G. Lazzarini, H. Schmid:
Samedan – Eine Dorfchronik, S. 203 und S. 94

Das Baujahr

Erst 1831 errichtete sein Vater, Johannes Badrutt senior, auf der gegenüberliegenden Seite ein modernes Gewerbehaus mit Schreinerei, wasserbetriebener Schlosserei und Eisenlager. Aus diesem Gebäude ging später das Bernina Vegl hervor.

Hier verbrachte Johannes seine Kindheit und Jugend. Zwischen Hobelbänken, Werkzeugen und dem geschäftigen Alltag eines Handwerksbetriebes lernte er früh, dass Fortschritt nicht vom Zufall entsteht, sondern von Menschen, die bereit sind, neue Wege zu gehen.


Quelle: D. Kaiser, G. Lazzarini, H. Schmid: Samedan – Eine Dorfchronik, S. 76.

Doch dies ist nicht in erster Linie
die Geschichte von Johannes Badrutt.

Es ist die Geschichte eines Hauses.

Eines Hauses, das Generationen von Menschen kommen und gehen sah. Menschen mit Ideen, Träumen und manchmal auch Schicksalsschlägen. Jeder hinterliess seine Spuren – und jeder schrieb ein neues Kapitel.

Etwa fünfzehn Jahre nach seiner Errichtung wandelte sich das Gewerbehaus grundlegend. Aus Werkstätten wurde das Kaffee- und Gasthaus «A la Vue du Bernina», eines der frühen Hotels des Engadins. Hier legte Johannes Badrutt junior den Grundstein für seine spätere Laufbahn als Hotelier. Als Gastgeber sammelte er wertvolle Erfahrungen, entwickelte seine Ideen weiter und erkannte das grosse Potenzial des aufkommenden Fremdenverkehrs. Wenige Jahre später zog es ihn nach St. Moritz, wo er Hotelgeschichte schreiben sollte.

Doch dies war keineswegs das Ende der Geschichte dieses Hauses. Nach Badrutts Weggang wechselte es den Besitzer. Nationalrat Andreas Rudolf Planta übernahm das Hotel und verpachtete es an den jungen Giachem Fanconi. Wenige Jahre später ging die Liegenschaft in Fanconis Besitz über. Das «A la Vue du Bernina» entwickelte sich zu einem bedeutenden Treffpunkt des frühen Tourismus. Im August 1861 nahm hier König Wilhelm I. von Württemberg gemeinsam mit der Familie von Planta an einer «Table d’hôtes» teil. Drei Jahre später stieg auch Königin Marie von Hannover mit ihrem Gefolge in Samedan ab – vermutlich ebenfalls im «A la Vue du Bernina».
Der wachsende Fremdenverkehr stellte das alte Rundgiebelhaus jedoch zunehmend vor Platzprobleme.

Giachem Fanconi erkannte die Grenzen des bestehenden Gebäudes und fasste einen mutigen Entschluss: Gegenüber liess er das neue, wesentlich grössere Hotel Bernina errichten.

Doch das Schicksal wollte es anders. Kurz vor der Eröffnung starb Giachem Fanconi am 25. Oktober 1865. Seine Frau Margarita Fanconi-Klainguti führte das Werk weiter und eröffnete das Hotel im folgenden Jahr. Später heiratete sie Thomas Fanconi, den Bruder ihres verstorbenen Mannes, und sorgte dafür, dass das neue Hotel Bernina zu einem festen Bestandteil der Engadiner Hotelgeschichte wurde.


Quelle: D. Kaiser, G. Lazzarini, H. Schmid: Samedan – Eine Dorfchronik, S. 95.

Die Druckerei im Bernina Vegl

Das alte «À la Vue du Bernina» hatte seine Aufgabe als Hotel erfüllt – doch seine Geschichte war noch lange nicht zu Ende.

Nach dem Ende des Hotelbetriebs begann für das Bernina Vegl ein neues Kapitel. Die Druckerei und lithographische Anstalt von Samuel Fissler zog in das Rundgiebelhaus ein; auch der seit 1857 erscheinende «Fögl d’Engiadina» fand hier seinen neuen Druckort. 1874 verkaufte Fissler das Unternehmen an den jungen Buchdrucker J. Vaterlaus. Wenige Jahre später, 1878, übernahm Simon Tanner die Leitung der Druckerei und führte sie ab 1880 auf eigene Rechnung. Neben dem «Fögl d’Engiadina» erschienen damals auch die «Alpine Post» und der für Gäste während der Saison bestimmte «Engadin Express». Das Bernina Vegl wurde damit für Jahrzehnte zu einem Ort, an dem Nachrichten und Geschichten ihren Weg ins Engadin und zu seinen Gästen fanden.


Quelle: D. Kaiser, G. Lazzarini, H. Schmid: Samedan – Eine Dorfchronik, S. 83

1930 wechselte das Bernina Vegl erneut den Besitzer

In den Räumen des heutigen Pachifig befand sich später das Antiquitätengeschäft «Valentin Sutter», das von der Familie weitergeführt wurde. Historische Aufnahmen zeigen, dass der Vorbau zu dieser Zeit noch weitgehend aus Holz bestand. Später wurde er massiv umgebaut – auch die äussere Gestalt des Hauses veränderte sich mit seinen Nutzungen. 1930 verkaufte die Familie Fanconi-Klainguti das Bernina Vegl an die Erben von Valentin Sutter. Das darin betriebene Antiquitätengeschäft trug entsprechend den Namen «Valentin Sutter’s Erben», wie historische Aufnahmen des Hauses zeigen. Damit begann für das Bernina Vegl ein weiteres Kapitel seiner langen Geschichte als Gewerbehaus. Wo zuvor andere Betriebe ihre Spuren hinterlassen hatten, prägte nun über Jahre das Antiquitätengeschäft das Erdgeschoss. Der hölzerne Vorbau mit seinen grossen Schaufenstern ist auf historischen Aufnahmen noch deutlich zu erkennen. Später wurde dieser Bereich massiv umgebaut und erhielt schrittweise die Form, die das Erscheinungsbild des Hauses bis heute prägt. Diese Aufnahme dokumentiert damit nicht nur das Antiquitätengeschäft, sondern auch eine bauliche Phase des Bernina Vegl, bevor der Vorbau seine heutige Gestalt erhielt und später die Bäckerei Zisler in diese Räume einzog.

Das Antiquitätengeschäft Valentin Sutter im Bernina Vegl. Die Aufnahme zeigt den damaligen Laden mit seinem grossen Schaufenster und dem markanten Vorbau. Auch das Umfeld und das Haus selbst sahen noch deutlich anders aus: Die Strasse vor dem Gebäude war noch nicht geteert, und der Eingang zum Geschäft befand sich deutlich weiter rechts als heute.
Solche Details zeigen, wie sich das Bernina Vegl und seine unmittelbare Umgebung im Laufe der Jahrzehnte verändert haben. Wenige Jahre später begann mit der Bäckerei Zisler ein weiteres Kapitel in der Geschichte des Hauses.

Bäckerei Zisler

1946 begann im Bernina Vegl ein weiteres Kapitel.

Cla Zisler eröffnete an der Strassenseite des Hauses seinen Bäckereiladen. Gebacken wurde jedoch nicht im Bernina Vegl selbst, sondern im tiefer gelegenen Nachbarhaus, wo Brot und andere Backwaren noch im Holzofen entstanden.Während im vorderen Bereich des Bernina Vegl das Antiquitätengeschäft der Erben von Valentin Sutter weiterbestand, entwickelte sich seitlich die Bäckerei Zisler.

Zwei unterschiedliche Gewerbe teilten sich damit über Jahre dasselbe Haus – bis ihre Geschichten später durch Barbla Zisler zusammengeführt wurden. Bis 1961 wurden die Spezialitäten noch im Holzofen gebacken. Dann endete diese ursprüngliche Art der Produktion und die Bäckerei entwickelte sich technisch weiter.

Das Bernina Vegl vor dem nächsten grossen Wandel.

1986 übernahm Barbla Zisler die Bäckerei und kaufte das gesamte Bernina Vegl. Sie verlegte den Bäckereiladen innerhalb des Hauses in die Räume des bisherigen Antiquitätengeschäfts der Erben von Valentin Sutter. Im Zuge dieses Umbaus konnte auch die Backstube aus dem tiefer gelegenen Nachbarhaus ins Bernina Vegl einziehen. Damit waren Verkauf und Produktion erstmals unter einem Dach vereint.

Der frühere hölzerne Vorbau des Antiquitätengeschäfts
war inzwischen durch einen massiven Bau ersetzt worden.
Aufnahme vor dem Umbau von 1986.

Die letzten Jahre der Bäckerei Zisler

Barbla Zisler prägte die Bäckerei von 1986 bis 2007. In diesen gut zwanzig Jahren machte sie insbesondere die Engadiner Nusstorte zu einem wichtigen Aushängeschild des Betriebs und brachte deren Verkauf deutlich voran. Auch eine kleine Spezialität entstand in dieser Zeit: die später legendären Mini-Nusstörtli, eine Kreation von Barbla Zisler.

Die Aufnahmen aus dem Jahr 2007 zeigen die Bäckerei kurz vor ihrem Ende. Neben der Ladentheke und der Vitrine mit Nusstorten und anderen Spezialitäten ist auch die gemütliche, von viel Holz geprägte Einrichtung zu sehen. Wenig später sollte sich das Erscheinungsbild dieser Räume grundlegend verändern.


2007 – Das Pachifig entsteht

Im Jahr 2007 übernahm Renato Longa die ehemaligen Verkaufsräume der Bäckerei Zisler und eröffnete darin den Pachifig Döner. Aus dem traditionsreichen Bäckereiladen wurde ein Imbiss – und für das Bernina Vegl begann erneut ein neues Kapitel.

Dabei veränderte sich nicht nur die Nutzung der Räume. Auch das Erscheinungsbild des ehemaligen Ladens wurde den neuen Bedürfnissen angepasst.

Umbau der ehemaligen Bäckerei Zisler zum Pachifig im Jahr 2007.

Wo zuvor Nusstorten, Birnenbrote und Backwaren verkauft worden waren, entstanden nun Theke, Küche und Gastraum des Pachifig.

Ganz verschwunden ist die Geschichte der Bäckerei allerdings nie. Die Zisler Nusstorten werden bis heute weiterproduziert und verbinden damit auf ihre Weise die frühere Nutzung des Hauses mit seiner Gegenwart. So blieb das Bernina Vegl auch nach 2007 das, was es während eines grossen Teils seiner Geschichte gewesen war: ein Haus, in dem gearbeitet, produziert und verkauft wird.

Ein neuer Treffpunkt

Damit setzte sich auf neue Weise etwas fort, das dieses Haus schon seit seiner Zeit als Hotel geprägt hatte:

Menschen kamen zusammen.

Aus den ehemaligen Räumen der Bäckerei wurde schon bald ein lebendiger Treffpunkt. Gegessen wurde nicht nur schnell an der Theke – im Pachifig trafen sich Einheimische, Gäste und Freunde, und nicht selten waren die Räume bis auf den letzten Platz gefüllt.

Eröffnungsabend am 12. Dezember 2007 – das Pachifig war noch nicht wirklich fertig. Und wird es vermutlich auch nie sein

Es erzählt ein Stück Geschichte des Engadins.

Diese Geschichte ist noch nicht abgeschlossen.


Bei der Recherche sind immer wieder neue Dokumente, Fotografien und Zeitzeugenberichte aufgetaucht. Einige Fragen konnten bereits beantwortet werden, andere warten noch auf ihre Entdeckung. Vielleicht wird gerade diese Seite deshalb nie ganz fertig sein – weil Geschichte immer wieder neue Geschichten erzählt.

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